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CC-BY: Frauke Nippel

Nachlese Treffpunkt Wissenswerte: Alles smart, oder was? Smarte Bürger für die digitale Welt

Diskussionsveranstaltung in der Rainmaking Loft, Berlin-Kreuzberg, Mittwoch, 25. Februar 2015 Thomas Prinzler

Wie können Bürger mit ihren Daten umgehen, um sich selbstbewusst im Internet zu bewegen? Über das Verhältnis fantastischer Möglichkeiten und möglicher Fantastereien, die sich im digitalen Jetzt und künftig für den smarten Bürger ergeben, haben die Referenten beim 76. Treffpunkt WissensWerte von Inforadio (rbb) und Technologiestiftung Berlin im Rahmen der Informationskampagne www.smarte-bürger.de diskutiert.

Telefon, Städte, Verkehr, Energie, Medizin, das Zuhause mit Kühlschrank, auch Teppich und die Heizung sowieso – inzwischen ist alles smart oder auf dem Wege dahin. Und das Smartphone ist mittlerweile für viele das Tor zur digitalen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter eröffnen neue Kommunikationswege; Amazon oder der Supermarkt um die Ecke neue Einkaufsmöglichkeiten, wenn dieser seine Kunden kennt und personalisierte Werbung, Produkte und Preise anbietet. Die schöne neue Welt des Internets ist bequem, verlockend, lukrativ und innovativ – und längst neben Buchdruck und Dampfmaschine, Auto und Computer eine grundlegende Menschheitserfindung.

„Diese Welt hat viele Vorteile und wie immer auch ein paar Gefahren“, sagt Berlins Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann. Wie der Buchdruck die Lesefertigkeit der Menschen erforderte, so sei dies jetzt auch für das Internet nötig. „Wenn es im Sinne des Bürgers ist und er nicht mit Dingen überhäuft wird, die ihm unangenehm sind, ist es in Ordnung“, findet Thomas Schildhauer, Gründer und Direktor gleich zweier Institute, die sich mit der digitalen Welt befassen: Das Institute for Electronic Business an der Universität der Künste Berlin und das Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft.

Raimund Bau hatte vor ein paar Jahren die Idee, Werbung im Einzelhandel kundenfreundlicher und effizienter zu machen – mit seinem Startup SO1 setzt er dies nun gemeinsam mit der Handelskette Kaisers in Berlin in die Tat um. Mit einer Kundenkarte, die ohne persönliche Daten auskommt, erhält der Kunde im Supermarkt auf ihn abgestimmte Produktempfehlungen zu günstigen Preisen. Ein Algorithmus, mit dem Einkäufe analysiert werden, ermöglicht entsprechende Prognosen. Für den Händler positiv ist ein effizienterer Einkauf und die Papierwerbung könnte dadurch vermieden werden. Für Raimund Bau ist damit der Nachweis erbracht, dass Agieren im Internet auch ohne persönliche Datenpreisgabe möglich ist. Und er sieht den Staat in der Pflicht. Der solle „im Markt aktiv werden“, um „nicht wünschenswerte Angebote zu korrigieren.“

Zustimmung von Senator Heilmann. Datenschutz sei ein hohes Gut. Neben der Aufklärung des Bürgers sieht er durchaus unter bestimmten Umständen, die Notwendigkeit staatlichen Eingreifens gegenüber Google oder Facebook. „Die Amerikaner haben vor Jahren…den Telekommunikationsriesen AT&T zerschlagen. Das hat sich als heilsam erwiesen. Wir müssen mit dem Kartellrecht auch die großen Internetunternehmen anschauen - mit allen Konsequenzen.“ Prof. Schildhauer ist skeptisch. Bei der Flugregulierung habe die Zerschlagung großer Konzerne nicht funktioniert. Staatliches Handeln müsse schneller werden. „Eigentlich brauchen wir zum Internet eine Weltverfassung“, und er fordert rechtliche Rahmenbedingungen für die ganze Welt. Raimund Bau hält die Forderung nach einer Kontrolle des Internets für naiv. „Das Internet ist dezentral, man kann es nicht kontrollieren“. Und wenn, dann hätte man als Staat ein Problem. „Wir wollen als Bürger freien Zugang zum Internet.“ Man könne zwar den Straßenverkehr nicht durchweg kontrollieren, dennoch gäbe es Verkehrsregeln, sagt Thomas Heilmann. „Dass wir gar nichts machen können in Europa stimmt nicht. Es gibt ein Parlament, eine Kommission, wir sind handlungsfähig.“ Und so werde es demnächst eine europäisch abgestimmte Datenschutzgesetzgebung geben. „Natürlich können wir Facebook zwingen, sich an europäische Regeln zu halten.“ „Daten sind das künftige Öl unserer Industrie- und Verbrauchergesellschaft“, betont Thomas Schildhauer und für die Wissenschaft und die Politik bestehe die Herausforderung, Rahmenbedingungen zu erforschen und zu gestalten, „damit der Bürger und die Bürgerin weiterhin sicher im Internet unterwegs sein können.”

Smarte Bürger – Verbraucherschutz in der digitalen Welt ist eine Informationskampagne der Technologiestiftung Berlin, des Vereins Open Knowledge Foundation Deutschland und der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz.

Moderation
Thomas Prinzler, Wissenschaftsredaktion Inforadio (rbb)

Links

http://www.ieb.net/ueber-das-ieb/personen/prof-dr-dr-thomas-schildhauer/

http://www.so1.net/

http://www.berlin.de/sen/justiz/ueber_uns/senator.html

http://okfn.de/

http://www.technologiestiftung-berlin.de/de/top-themen/data/

https://www.technologiestiftung-berlin.de/fileadmin/daten/media/podcasts/150308_TWW76_SmarteBuerger.mp3

https://www.youtube.com/watch?v=h8DHBoZMVk4

Bücher

David Eggers: Der Circle, Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04675-5, € 22,99

Marc Elsberg: Zero – Sie wissen was, was du tust, blanvalet,
ISBN: 978-3-7645-0492-2, € 19,99